AnnenMayKantereit: “Die Panik in der Musikbranche ist groß”

Ein Gespräch mit dem Sänger Henning May von der Band AnnenMayKantereit über die Corona-Krise und Musiker-Sein ohne Publikum.
Kennst du schon Leute aus dem näheren Umfeld, die an Corona erkrankt sind?
Ja, eine gute Freundin hatte vor ein paar Wochen einen leichten Schnupfen. Sie dachte zunächst nicht an Corona. Doch dann wurde die Erkrankung schlimmer. Sie machte einen Test, der positiv ausfiel. Sie machte sich große Vorwürfe, obwohl sie niemanden aus ihrem Freundeskreis angesteckt hatte.
Hast du Angst infiziert zu werden?
Unsere letzten Konzerte spielten wir vor ein paar Wochen in Mannheim, Magdeburg und Chemnitz. Davor war ich auch ein bisschen erkältet, aber habe mich auch nicht in Quarantäne begeben. Da denke ich jetzt auch: Oh, Mann, vielleicht habe ich da schon was haben können? Was ich sagen will: Ich nehme das Thema Corona auch erst seitdem wirklich ernst, nachdem unsere Konzerte vor ein paar Wochen von den Behörden abgesagt worden. Stiftung stern Teaser Corona
Wie ist die Stim..

Ein Gespräch mit dem Sänger Henning May von der Band AnnenMayKantereit über die Corona-Krise und Musiker-Sein ohne Publikum.

Kennst du schon Leute aus dem näheren Umfeld, die an Corona erkrankt sind?

Ja, eine gute Freundin hatte vor ein paar Wochen einen leichten Schnupfen. Sie dachte zunächst nicht an Corona. Doch dann wurde die Erkrankung schlimmer. Sie machte einen Test, der positiv ausfiel. Sie machte sich große Vorwürfe, obwohl sie niemanden aus ihrem Freundeskreis angesteckt hatte.

Hast du Angst infiziert zu werden?

Unsere letzten Konzerte spielten wir vor ein paar Wochen in Mannheim, Magdeburg und Chemnitz. Davor war ich auch ein bisschen erkältet, aber habe mich auch nicht in Quarantäne begeben. Da denke ich jetzt auch: Oh, Mann, vielleicht habe ich da schon was haben können? Was ich sagen will: Ich nehme das Thema Corona auch erst seitdem wirklich ernst, nachdem unsere Konzerte vor ein paar Wochen von den Behörden abgesagt worden. Stiftung stern Teaser Corona

Wie ist die Stimmung in der Musikbranche?

Die Panik ist groß. All die Leute, die bei Großveranstaltungen arbeiten: die Tonmischer, Roadies, Licht-Experten wissen gerade gar nicht mehr, wann sie das nächste Mal wieder in ihren Berufen arbeiten können. Ich kenne welche, die jetzt als Erntehelfer anheuern, um Geld zu verdienen. Wenn es jetzt wirklich mindestens noch ein Jahr dauern wird bis ein Impfstoff gegen Corona gefunden wird, dann wird es auch in Deutschland für diese Zeit keine Großveranstaltungen und Konzerte mehr geben, so wie wir sie kennen. Davon bin ich überzeugt.

Was bedeutet das für einen Musiker wie dich?

Ich bin befinde mich in einer privilegierten Position. Die Leute hören ja immer noch Musik. Ich bekomme Geld durch Streaming meiner Lieder. Ich war viel auf Tour, deshalb habe ich auch ein paar Rücklagen. Das klingt jetzt total doof, aber ich könnte jetzt ein Jahr in meiner Wohnung sitzen und aus dem Fenster schauen. Mein Geld würde weniger werden, aber ich würde nicht in eine bedrohliche Situation kommen. Schlimm ist für manche Freunde von mir. Musiker, die darauf angewiesen sind, regelmäßig Konzerte vor drei, vier Hundert Leuten zu geben. Existenzbedrohend ist Corona für all die Musiker, die nicht so viel Aufmerksamkeit wie Max Giesinger oder ich bekommen. Wirbleibenzuhause Festival 19.20

Max Giesinger und andere deutsche Musiker unterhalten ihr Publikum jetzt via Instagram. Seht ihr darin auch eine Möglichkeit weiterhin mit eurem Publikum in Kontakt zu bleiben?

Klar, das ist eine Möglichkeit. Wir haben auch schon auf Konzerte im Internet gestreamt. Aber ich finde jetzt wäre es auch mal an der Zeit, eine digitale Plattform für deutsche Künstler auf die Beine zu stellen. Ein zentrales Angebot im Internet, staatliche gefördert, wo Musiker dann auch ordentlich entlohnt werden. Ich kapiere einfach nicht, dass es kein Problem ist mehr als 700 Millionen Euro für die Elbphilharmonie lockerzumachen, aber gleichzeitig keine Kohle für zeitgemäße digitale Plattform für Musik vorhanden ist.

Dein letztes Konzert hast du vor drei Wochen gespielt, danach wurde die Tour von den Behörden abgebrochen. Wie verbringst du gerade deine Tage?

Ich sitze zuhause und komme überhaupt klar.

Wie meinst du das?

Dieses Lesbos-Moria-Flüchtlings-Thema macht mich wahnsinnig. Wir reden ständig davon, dass wir diese Solidar-Gemeinschaft sind. Wir sollen einander helfen in der Corona-Krise. Sagen Geburtstage ab, um andere ältere Menschen nicht anzustecken. Auch ich habe einen Vater, der über 60 ist und meine Oma ist über 90. Sie gehören zur Risikogruppe. Und gleichzeitig blenden wir gerade völlig aus, dass auf einer griechischen Insel 25.000 Flüchtlinge unter unmenschlichsten Bedingungen um ihr Überleben kämpfen. Für diese Menschen gibt es überhaupt keine Möglichkeit in Quarantäne zu gehen. Wenn Corona da ist, dann ist Corona da. Dann werden dort Tausende Menschen sterben. Wenn wir die Flüchtlinge jetzt dort alleine lassen, dann glaube ich nicht mehr an Europa. PAID STERN Corona und Barleben 12.36

Du äußerst dich öffentlich auch immer wieder gegen Rassismus und machst dich für die Flüchtlingshilfe stark. Erhältst du auch Drohungen?

Nachdem ich meine Trauer über den rassistischen Amoklauf in Hanau öffentlich geäußert habe, bekam ich Nachrichten wie "Du linksversiffter Linksfaschist" oder "Warte ab, wenn du das nächste Konzert spielst…" geschickt. Das macht mir keine Angst. Damit kann ich umgehen. Aber ich möchte auch nicht in die Situation kommen, dass ich mit dem BKA telefonieren muss, wenn ich auf eine Bühne gehe. So wie es manche Bürgermeister in Deutschland inzwischen tun müssen, weil sie von Rechtsradikalen bedroht werden.

Macht dir das mehr Angst als Corona?

Auf jeden Fall. Wenn auf einer griechischen Insel die europäische Rechtsstaatlichkeit nicht mehr gewährleistet ist, wenn dort Journalisten verprügelt werden und Flüchtlingszelte in Brand gesetzt werden, ohne dass jemand dafür zur Rechenschaft gezogen wird, dann macht mir das mehr Angst als wenn mein Vater mit einer Corona-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert wird.

Welche Rolle spielt Musik zurzeit in deinem Leben?

Wenn Leute mich gerade fragen, wie es mit einem neuen Album aussieht, dann möchte ich gar nicht darüber reden. Ich habe keinen Kopf dafür.

Trefft ihr euch noch zur Bandprobe?

Das ist schwierig für uns. Wir könnten das tun, ich könnte jetzt mit dem Fahrrad zu Sevi (Schlagzeuger von AnnenMayKantereit) fahren, um Musik zu machen. Aber wir sind alle Beziehungsmenschen. Wir tragen Verantwortungen für unsere Partner. Wir wollen niemanden gefährden. Aber wir tauschen Ideen übers Internet aus. Das geht gerade ganz gut.

Verlässt du im Augenblick überhaupt noch deine Wohnung?

Ich muss bald mal wieder einkaufen, und heute Abend gehe ich einmal zu Palina Rojinski rüber, um einen Podcast aufzunehmen, aber ansonsten bleibe ich zuhause.

Wie geht es dir damit?

Es ist schwierig. Schon morgens, wenn ich aufwache, ist mein Puls hoch. Ich komme kaum zur Ruhe, weil ich die ganze Zeit mit Leuten telefoniere. In den letzten zehn Jahren war ich keine drei Wochen am selben Ort. Eigentlich immer auf Achse. Auf Tour. Zwei Tage in Freiburg, zwei Tage in Zürich. Das fehlt mir jetzt.

Es ist im Augenblick nicht absehbar, wann du wieder auf der Bühne stehen wirst.

Und wir hatten große Pläne. Es waren Konzerte in Moskau und Istanbul geplant. Ich habe erst vor ein paar Tagen kapiert, dass daraus zumindest in diesem Jahr wohl nichts mehr wird.

Fehlt dir das Publikum?

Ich kann das am besten mit einem Bild beschreiben. Stell dir vor, du wolltest immer schon am Meer in Südfrankreich zu wohnen. Dann hast du das geschafft. Du bist jeden Tag am Strand schwimmen gegangen. Und plötzlich, eines Tages wachst du auf, du kommst an den Strand. Es riecht noch nach Salz und du hörst auch das Meeresrauschen. Aber das Meer ist weg. Wir haben kein Meer mehr. Das müssen wir erst einmal verdauen.

Quelle

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